Weinland Spanien: Ein Kontinent voller önologischer Kontraste
Spanien ist ein Gigant der Weinwelt. Mit einer Gesamtfläche von rund 940.000 Hektar verfügt das Land über das größte zusammenhängende Weinbauareal der Erde. Doch trotz dieser schieren Masse hat Spanien in den letzten zwei Jahrzehnten eine beispiellose Qualitätsrevolution vollzogen. Von den salzigen Atlantikküsten Galiciens über die glühende Hochebene von Kastilien bis hin zu den steilen Schieferhängen des Priorat bietet Spanien ein Terroir-Spektrum, das kein anderes Land in dieser Intensität vereint.
Ein Abriss der Geschichte: Von den Phöniziern zum goldenen Zeitalter
Die Geschichte des spanischen Weinbaus reicht über 3.000 Jahre zurück. Die Phönizier gründeten bereits um 1100 v. Chr. die Stadt Cádiz und pflanzten dort die ersten Reben – der Grundstein für den heutigen Sherry. Später perfektionierten die Römer den Anbau und machten den Wein aus Hispania zu einem begehrten Exportgut im gesamten Imperium. Einen entscheidenden Wendepunkt erlebte Spanien im 19. Jahrhundert: Als die Reblaus die Weinberge Frankreichs zerstörte, brachten französische Winzer aus Bordeaux ihr Wissen und ihre Barriques über die Pyrenäen nach Rioja. Dies war die Geburtsstunde des modernen spanischen Qualitätsweins. Nach Jahrzehnten der Isolierung im 20. Jahrhundert katapultierte der Beitritt zur EU im Jahr 1986 das Land technisch und qualitativ zurück an die Weltspitze.
Die aktuelle Situation: Die Rückbesinnung auf die Wurzeln
Die aktuelle Situation im spanischen Weinbau ist geprägt von einer faszinierenden Dualität. Auf der einen Seite stehen die globalen Marken und riesigen Kooperativen, auf der anderen Seite eine junge, wilde Generation von Winzern, die das „New Spain“ repräsentiert. Diese Pioniere rekultivieren fast vergessene, uralte Weinberge in extremen Höhenlagen und setzen konsequent auf autochthone Rebsorten statt auf internationale Klassiker. Der Fokus liegt heute nicht mehr auf „Viel Holz und viel Extrakt“, sondern auf Herkunft und Eleganz. Die Einführung von Lagenklassifizierungen (wie Viñedo Singular in Rioja oder Vinos de Villa im Priorat) zeigt, dass Spanien bereit ist, den Weg des Burgunds einzuschlagen.
Die wichtigsten Appellationen: Von Rioja bis Sherry
Spanien verfügt über mehr als 70 geschützte Herkunftsbezeichnungen (DO und DOCa). Die DOCa Rioja bleibt das prestigeträchtige Aushängeschild, bekannt für ihre lagerfähigen Tempranillo-Blends. Der Priorat in Katalonien gilt mit seinen schwarzen Schieferböden (Llicorella) als Heimat einiger der konzentriertesten und teuersten Rotweine des Landes. Im Weißweinbereich dominiert die DO Rueda mit dem Verdejo, während die DO Rías Baixas in Galicien mit dem Albariño das Profil für frische, atlantische Weine schärft. Nicht zu vergessen ist der Cava, Spaniens Antwort auf den Champagner, und das „Jerez“ (Sherry), das aktuell eine bemerkenswerte Renaissance bei Kennern erlebt.
Die Rebsorten: Die DNA Spaniens
Die Identität des spanischen Weins wird von seinen heimischen Sorten getragen. Der Tempranillo ist der unangefochtene König, der je nach Region (Cencibel, Tinta del Pais, Tinta de Toro) ganz unterschiedliche Gesichter zeigt. Die Garnacha, einst als Massenträger verschrien, erlebt gerade ein fulminantes Comeback als Rebe für elegante, terroirbetonte Lagenweine. Im Süden dominiert die hitzeresistente Monastrell, die kraftvolle und tiefdunkle Weine liefert. Bei den Weißweinen stehen der aromatische Verdejo, der mineralische Albariño und die Sherry-Traube Palomino Fino im Rampenlicht. In den Höhenlagen des Bierzo sorgt zudem die rote Mencía für Aufsehen, die mit ihrer Kühle fast an Pinot Noir erinnert.